Als ich in den Sommerferien beinahe Olaf Ludwig besiegte

Erinnerungen sind der nostalgischer Klebstoff, der den Menschen immer wieder zeigt, dass das Leben schön ist.

Die Julisonne lässt die gelben Weizenfelder flimmern und den Feldweg vor mir in der Ferne zerschmelzen. Kein Windhauch ist zu spüren. Der Schweiß rinnt mir von der Stirn, denn ich trete straff in die Pedalen meines blau-weißen Eisenschweins. Ja, so nenne ich liebevoll mein Fahrrad, auf das ich sehr stolz bin. Lieber würde ich ein Moped fahren, aber ein knapp Zwölfjähriger darf das eben noch nicht.

Ein bisschen fühle ich mich wie Olaf Ludwig, dem Gewinner der diesjährigen Friedensfahrt. Kirschbäume, die links am Weg stehen, nehme ich nur als kurze grüne Schattenspender wahr, so schnell fahre ich. Der Klatschmohn nickt mit seiner roten Mütze bewundernd am Wegesrand. Der Rittersporn schwenkt blaue Fahnen. Ich kämpfe gegen den aufwirbelnden Staub, der prall gefüllte Rucksack auf meinem Rücken hüpft ein wenig hin und her. Eine Woche Sommerferien bei den Großeltern warten auf mich.

Sobald ich den letzten Windschutzstreifen passiert habe, sehe ich den Kirchturm und somit das Etappenziel: Den Dreiseitenhof meiner Großeltern. Mein staubbedecktes Gesicht mischt sich mit dem Schweiß, der von meiner Stirn rinnt und bildet sich eine Art Kriegsbemalung in meinem Gesicht. Hoffentlich erkennt mich Oma.

Der Streckenkoordinator weißt mich darauf hin, dass eine Umleitung gefahren werden muss. Kurz nach dem Ortseingang, als der Feldweg endet und ein etwas besser befestigter Weg die Pneus meines Eisenschweines aufatmen lassen, wird nun Kurs auf den Rinderoffenstall genommen, den dort arbeiten meine Großeltern. Die Zeit wird am Eingangstor gestoppt, denn weiter hinten im Gelände ist ein Verpflegungspunkt eingerichtet.

Betont lässig steige ich am Wirtschaftsgebäude vom Rad, klappe den selbst angebauteten Seitenständer aus, setze meine blau-weiße Schirmmütze der BSG Stahl Riesa ab (das ist übrigens mein erster richtiger Fanartikel) und wische mir den Schweiß von der Stirn. Wahrscheinlich war das Bestzeit diese Saison.

Dann schlendere ich zu den Rinderställen. Schon beim Hineinfahren hörte ich meinen Opa, der mit seinem roten RS09 (ein Radschlepper, der auch Maulwurf genannt wurde) die Kühe mit Kraftfutter in Form von Pellets versorgt. Ich winke ihm zu und er winkt zurück und schon ist er wieder laut tuckernd im Stall verschwunden. Ich nehme die kleine Seitentür und betrete den riesigen Stall. Die Kühe begrüßen mich lautstark, schließlich kennen mich die meisten. Aber vielleicht freuen sie sich auch nur über das frische Kraftfutter.

Ich laufe durch den kaum enden wollenden Stall durch und gehe ins Melkhaus, Dort arbeitet meine Oma. Die Kühe stehen erhöht, so dass die Melkerinnen die Euter ohne große Probleme waschen und desinfizieren können. Am interessantesten finde ich, wenn die vier Röhren an die Euterzitzen gesetzt werden und kurz darauf läuft die Milch mit kurzen Stößen in durchsichtigen Plasterohren in den Milchtank. Irgendwie denke ich dann an ein Labor, wo an geheimen Substanzen geforscht wird. Aber vielleicht habe ich auch nur zu viele gruselige Filme geschaut.

Als meine Oma mich sieht, lächelt sie und ruft mir zu, dass ich schon mal in den Pausenraum gehen soll. Dort angekommen, erwarten mich schon einige Stücken Eierschecke und Kirschstreuselkuchen auf einem Teller. Wie das duftet! Darüber steht ein mit Gaze bespanntes Gestell, welches wie ein Regenschirm ohne Stock aussieht und vor den gierigen Fliegen schützen soll.

Bald darauf kommen meine Großeltern und noch drei ihrer Kollegen in den Pausenraum. Wir platzieren uns am Tisch und verteilen den Kuchen. Die Erwachsenen bekommen Kaffee und Oma macht für mich extra Kakao, mit frischer Milch. Das ist so lecker!

Nach dem Festschmaus mache ich mich auf den Weg zum Wohnhaus meiner Großeltern. Der Weg ist klar, denn sie wohnen direkt gegenüber der Kirche. Beeilen muss ich mich nicht, denn erst um 17:15 Uhr beginnt das erste Halbfinale der Fußball WM in Spanien: Polen gegen Italien. Und vielleicht, wenn Opa es erlaubt, darf ich auch um 21 Uhr das zweite Spiel BRD gegen Frankreich schauen. Wenn er damals gewusst hätte, dass es bis zum Elfmeterschießen kommt, hätte ich es vielleicht nicht gedurft. Aber ich durfte und es war toll. Und spannend.

Genau so wurden die folgenden Tage: Voll gepackt mit Abenteuern und zum Teil waghalsiger Unternehmungen, die man in einem kleinen Dorf eben erlebt, wenn man ein elfjähriger Junge ist.

2 Comments »

  1. Genau in dem Sommer waren wir mit der Klasse in Klein Iser (Mala Izerka) in Gustav Ginzels Misthaus zum „Kunsterziehungslager“. Als Gustav von einer seiner Auslandsreisen zurückkam, konnte er noch einen Abend seine Schwänke erzählen, bevor am nächsten Morgen die Polizei vor der Tür stand, ihn einkassierte und uns und alle anderen Gäste aus dem Haus schmiss. Wir sind dann zum Glück beim Vlassadi (einer Pension) untergekommen. Die Halbfinalspiele und das Endspiel haben wir uns dann im Hotel Sägemühle angeschaut und ich hab 10 Heller gegen meinen Lehrer verloren, weil ich auf die BRD als Sieger getippt hatte 😉

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