Strandrauke

Der sandige Weg bahnt sich breit und leicht gebogen durch die Zickerschen Alpen, wie Einheimische das Biosphärenreservat auf der Halbinsel Mönchgut nennen, welches sich hinter dem malerischen Ort Groß Zicker bis zum Meer erstreckt.

Natürlich erwartet man bei der Erwähnung von „Alpen“ majestätische Berge mit schneebedeckten Gipfeln, doch den 69 Meter über dem Meeresspiegel liegenden Bakenberg muss man auch erst einmal erklimmen, wenn die Sommersonne unbarmherzig ihre Strahlen auf die Erde schickt und die spärlich bewaldete Moränenlandschaft kaum Schatten bietet.

Doch während man den nun schmaler werdenden Pfad entlang läuft und auf den Salzwiesen links und rechts riesige Parasole bestaunt, die mit großer Wahrscheinlichkeit Sonnenschirme der hiesigen Hasenfamilie sind, entdeckt man Pflanzen, die man sonst nur selten antrifft: Die Sand-Strohblume, den Schwalbenwurz, die Pannonische Salzaster oder den Hain-Wachtelweizen. Es summt und brummt, während wir bis auf den Grat steigen. Nun sehen wir den Bodden und riechen das Meer. Grandios. Die Luft flimmert vor uns.

Endlich geht es ein Stück abwärts in ein kleines Waldstück, wo uns ein wenig Abkühlung erwartet. Hier soll nun das sagenumwobende Nonnenloch sein. Die Geschichten ranken sich um brutale Dinge, welche Nonnen widerfahren sein sollen, die unzüchtig waren. Andere wiederum berichteten, dass der Ort im Wäldchen als Stelldichein diente. Wir werden es nicht genau erfahren, jedoch sind wir darüber grübelnd bald am Rand der Steilküste angekommen und eine Holztreppe führt schnell nach unten. Am Strand angekommen, erwartet uns ein Riesenfindling, ein schwedischer Import aus der Eiszeit. Man muss schon ein wenig klettern, um weiter an der Steilküste laufen zu können.

Nach ein paar Schritten weckt eine buschige Pflanze mit hellblauen Blüten die Aufmerksamkeit des Wanderers. Dank der modernen Technik und einer Pflanzenbestimmungs-App ist schnell klar, dass es sich hier um Europäischen Meersenf (Cakile maritima) handelt. Der Kreuzblütler ist essbar und kurzerhand zerkaue ich ein paar Blüten und alsbald verspüre ich das Verlangen nach einer heißen Bockwurst, denn es schmeckt tatsächlich nach Senf, einer Mischung aus Bautzner scharf und mittelscharf. Leider gibt es keine Wurst, sondern nur Sand und Steine. Das Leben kann schon hart sein. Am besten gefällt mir, dass der Meersenf auch Strandrauke genannt wird. Der Name hat etwas von Sturm und wilder See und tatsächlich, die Strandrauke hilft bei der Flugsandbindung und dient somit der Dünenbildung.

Weiter geht es am steinigen Strand, später müssen wir einen steilen und schmalen Pfad die Küste fast hochklettern, dann geht es durch ein kleines Waldgebiet bis zum idyllischen Ort Gager. Mitten im Ort biegen wir rechts ab in die oben erwähnten Zickerschen Alpen, erklimmen den Bakenberg und sehen dort auch schon den Startpunkt der Wanderung: den Parkplatz an der Dorfkirche in Groß Zicker. Die gotische Kirche ist das älteste Gebäude im Mönchgut, aus roten Backsteinen gebaut und der Turm trägt Holzschindeln. Bemerkenswert fand ich die nautischen Motive in den Bleiglasfenstern. Ein kleines Prunkstück, wie ich finde.

Mit einem leichten Strandrautengeschmack im Mund geht es nach dieser wunderschönen und landschaftlich wie botanisch beeindruckenden Wanderung direkt in ein Gasthaus, wo es hoffentlich einen Senfbraten gibt.

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