Die (fast) verschwundenen Wörter der Vogelstimmen

Sobald man im Frühling das Fenster öffnet, zieht ein scheinbar disharmonisches Vogelstimmenkonzert durch das Zimmer. Es zwitschert, tiriliert, trällert und singt, als wäre der Dirigent noch nicht erschienen, welcher die einzelnen Instrumente zu einem harmonischen Ganzen formiert.

Doch einzeln betrachtet, klingt jeder Vogel für sich grandios. Jeder unserer gefiederten Freunde will etwas anderes mitteilen: Vom Balzruf, über das Morgenlied, die Mittagssonate, den Nachbarschafttratsch bis hin zum Einkaufszettel der Vogelmutter an den Vater, der Futter für die gerade geschlüpften Nachkommen besorgen soll.

Dabei ist es für den ungeübten Zuhörer gar nicht so leicht, die einzelnen Vögel zu identifizieren. Sicher kennt jeder das Gegurre der Ringeltauben, den Kuckuck, der selbstverliebt seinen eigenen Namen ruft oder das Schäckern der Elstern. Vielleicht noch das morgendliche Flöten der Nachtigall oder das Kreischen des Eichelhähers. Zum Glück gibt es heutzutage Apps, welche die Zuordnung der Stimmen zu den Tieren erleichtert und man lernt sogar noch etwas dabei.

Viel faszinierender ist jedoch, dass es für die unterschiedlichen Lautäußerungen der Vögel eine schier unerschöpfliche Anzahl von inzwischen fast vergessenen Bezeichnungen gibt:

So schreit der Adler an seinem Brutplatz, die Goldammer zirpt, knippt und zickert. Eine Amsel schnirpt, tickst und rollt, wenn sie denselben Ton schnell wiederholt. Das Birkhuhn kollert, rackelt und gluckst. Eine Heckenbraunelle klirrt, lispelt und sie tschilpt beim Auffliegen. Bussarde hiähen, jauchzen und kichern. Der bereits erwähnte Eichelhäher kreischt, schwatzt, spottet, miaut und warnt vor Gefahren, er ist ein echter Multiinstrumentalist.

Eulen, zu denen auch der Uhu und die Käuze zählen, uhuhen, kreischen, pfeifen und schirken (aber nur bei der Begattung). Die Waldohreule bellt sogar. Die große Finkenschar finkt, zirpt, schilkt und trillert. Der Gimpel oder Dompfaff singt, gurrelt und manchmal quetscht er die Töne. Hingegen klappern, schnarren und schmätzen die Grasmücken. Der junge Habicht lahnt, wenn er Hunger hat, währenddessen die Eltern beim Balzflug kirren. Der zarte Kolibri ruckst, summt und schwirrt.

Die allgegenwärtigen Krähen krächzen, kreischen, quarren und plärren, dass es uns Menschen manchmal sehr unheimlich ist. Kraniche trompeten in der Morgendämmerung, indess sie während der Paarung brausen oder kullern. Die Lerche jubiliert, sie schmettert und tremoliert und wenn sie fliegt, dann quinkeliert sie. Meisen zirpen, zinselieren, schnerrbsen und pritschen.

Der Pfau pfuchzt, was nichts anderes als fauchen heißt, aber schöner klingt. Der Pirol oder Bülow wird auch Bierholer genannt, weil sein flötender Ruf früher oft als „Bier hol!“ verstanden wurde. Wahrscheinlich sind das urbane Mythen, aber so ein schwarz-gelber Bierholer wäre schon etwas Exklusives. Das Rotkehlchen flötet, schluchzt und schnurrt zwischen den lauten Tönen. Die Schwalben gigitzen, knerblen und girlen.

Die Spatzen oder Sperlinge gicken, zwircken, tschilpen, zetern, schwatzen und deddern. Und das tun sie meist im Schwarm, denn man hört es schon von Ferne. Spechte hingegen trommeln, klopfen, hämmern, leiern und zischen. Und manchmal lachen sie auch. Man muss nur genau hinhören.

Sperber und Falken lahnen und kichern. Ferner haseln und mäuseln sie, um wahlweise Hasen und Mäuse anzulocken. Der kirschenstehlende Star bringt dem geneigten Naturliebhaber ein regelrechtes Potpourri aus pfeifen, schnalzen, plappern und schmatzen zu Gehör. Die Tauben girren, gurren, rucksen, kollern, prasseln und wenn man nicht genau hinhört, kann man sie mit einem Uhu verwechseln. Und sie lassen uns nicht schlafen, wenn man bei geöffnetem Fenster nächtigt. Der Zaunkönig krispelt, tschirpt und zackt und das, obwohl er so klein ist.

Diese kleine Aufzählung von fast schon vergessenen Lautäußerungen zeigt, dass uns Menschen seit Jahrhunderten der Gesang der Vögel am Herzen liegt. Nicht umsonst halten sich viele Leute Wellensittiche, Kanarienvögel oder Zebrafinken in ihren Wohnungen. Aber auch die kleinen Melodien, welche uns die Vögel draußen vor der Haustür tagtäglich darbieten, machen uns ein klein wenig glücklicher, auch wenn man so manches davon schon etwas überhört hat. Das Gezwitscher gehört zum Leben dazu und wir sollten das murksen, gackern, rätschen oder knarzen bewusst wahrnehmen und dann einfach selbst ein kleines Lied so vor uns hinpfeifen.

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