Fly, Robin, fly oder Der kurze Flug des Rotkehlchens.

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Bestimmt hat der eine oder andere jetzt den Ohrwurm der deutschen Discoformation Silver Convention von 1975 im Ohr. Aber vielleicht liest sich mit der Musik im Ohr der nachfolgende Text etwas besser. Natürlich bin ich kein Rotkehlchen und ich kann auch nicht fliegen. Zumindest nicht richtig. Aber irgendwie doch:

Anfang Juli um die Abendbrotzeit bat mich die Nachbarin aus dem Hochparterre um Hilfe, um auf ihrem Balkon einen seitlichen Windschutz anzubringen. Als hilfsbereiter Mensch bin ich natürlich sofort dabei. Irgendwie ist dann beim Spannen der Federstange dieselbige weggerutscht und mich hat es dabei vom Balkon nach außen katapultiert. Sekundenbruchteile freier Fall oder der kurze Flug des Rotkehlchens.

Der Rettungswagen kam schnell. Die Tage im Krankenhaus waren mental und körperlich anstrengend, zumal die OP dreimal verschoben wurde. Doch ich kann von Glück reden, dass ich neben einem Schädel-Hirn-Trauma nur Knochenbrüche (rechtes Becken und rechtes Schlüsselbein) erlitten habe.

Trotzdem kann ich mich derzeit mit Gehilfe nur langsam vorwärts bewegen und die Schulter schmerzt mitsamt neun Schrauben und Platte. Bei dem mir eingesetzten Material hoffe ich, dass es nicht normaler Baustahl wie der St 37-2 ist, sondern irgendetwas, was auch beim Terminator verwendet wurde.

Das Leben zu Hause ist nun total anders. Wenigstens kann ich mich allein ins Bett legen und auch aufstehen. Und aufs Klo schlurfen. Auch wenn das alles echt lange dauert. Die Schnecken im Aquarium kichern schon, wenn sie mich durch die Wohnung schleichen sehen.

Zähneputzen und Gesicht waschen schaffe ich auch. Für den restlichen Körper bin ich auf Hilfe angewiesen und bei den sommerlichen Temperaturen muss das auch unbedingt sein. Ich komme mir dann wie bei einer rituellen Waschung vor, aber wahrscheinlich habe ich nur zu viele Filme gesehen.

Essen zubereiten schaffe ich nur rudimentär. Die Cornflakes in die Schüssel schütten und Milch dazu, funktioniert, wenn alles in bis in Kopfhöhe bereitsteht. Essen in der Mikrowelle aufwärmen, habe ich auch mit links gemeistert. Aber ein Brötchen aufschneiden, das geht nicht. Diese Hilflosigkeit macht mir schon ein wenig Angst. Haushalttätigkeiten wie Putzen, Wäsche waschen sind faktisch nicht möglich. Das nicht machen zu können, widerstrebt aber meiner Natur. Aber ich muss es akzeptieren.

Meine Partnerin unterstützt mich bei den Dingen, die ich nicht schaffe. Dafür bin ich ihr sehr dankbar. Mehr als das.

Die Physiotherapie läuft auch schon. Vorerst als Hausbesuch. Das wird ein langer Weg und mein Foltermeister meint, dass alles wieder in Ordnung kommt, wenn ich auch fleißig allein übe. Danke an dieser Stelle für das Quälen für mein Wohlergehen. Dass ich danach kein Olympionike sein werde, weiß ich, aber das war ja vorher auch nicht.

Allerlei Papierkram habe ich auch schon bewältigt. Bürokratie fragt nicht nach Schmerzen. Wenn das erledigt ist, lauern auch wieder diverse Arztbesuche: Schlüsselbein- und Beckennachkontrolle, Narbenprüfung, Bluttests und so weiter.

Der ganze Sommer und ein Stück des Herbstes werden an mir vorbei ziehen, während ich ab und zu auf dem Balkon sitze. Ich beobachte Menschen und Autos auf der Straße, Insekten an den Balkonblumen und sehe den Balkontomaten beim Reifen zu. Ab und zu empfange ich Familie und Freude, die meistens etwas zu Selbstgekochtes zum Essen mitbringen, welches ich dankend annehme. Daran könnte man sich gewöhnen.

Und ich hoffe, dass es jeden Tag ein Stück besser wird. Ein Ziel habe ich vor den Augen: Wieder ein normales Leben führen.

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