Weihnachten in Familie.

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Die nachfolgenden Ereignisse beruhen auf einer wahren Begebenheit. Manche sagen jedoch, es wäre eine urbane Legende. Aber das soll jeder selbst entscheiden.

Es spielen mit: Eine alleinerziehende Mutter mit ihren drei Kindern (K1, K2 und K3) sowie die Eltern der Mutter.

23. Dezember, 9:37 Uhr. Es ist das sechste Weihnachtsfest, dass ich nur mit den Kindern und meinen Eltern verbringen werde. Dieses Mal gibt es keinen Baum, obwohl mich meine Mutter penetrant per Whatsapp nervt, sie wünsche sich so sehr einen geschmückten Weihnachtsbaum, sie könne sich aber nicht darum kümmern, da sie so viel Stress mit den Vorbereitungen habe. Ich atme tief durch. Dort wo letztes Jahr der Baum stand, hat sich das Klavier der Tochter (K1) breit gemacht. Eigentlich ist es ein E-Piano und gehört mir. In der Wohnung ist also kein Platz mehr für einen Baum, nicht mal für eine Topfpflanze. Außerdem habe ich gar keinen Baumständer. „Hast du keine Freunde, die dir heute einen Baum fahren können?“ schreibt Mutter. Nein, ich habe keinen Telefonjoker und auch kein Auto. Mein Ass im Ärmel sind monströse Knieschmerzen und Ibu 600 zum Frühstück. Plötzlich sehe in Gedanken den vorwurfsvollen Blick meiner Mutter vor mir und gehe dann doch den Baum kaufen. Eigentlich wollte ich nur die wichtigsten Lebensmittel holen und ein Baum stand nicht auf dem Einkaufszettel. Aber streng genommen ist der Baum auch essbar. Zumindest für Elefanten.

13:49 Uhr. Einige tausende Schritte später bin ich wieder zu Hause. Die Taschen voller Futter. Die Knie schmerzen. Ich habe solch einen Hunger, ich könnte direkt alles aufessen. Den Baum habe ich doch nicht gekauft. Das wird morgen ein besinnlicher Heiligabend.

Mutter fragt via Whatsapp, ob ich jetzt einen Baum hätte. Ich verneine resigniert und kaue in aller Ruhe den vierten Lebkuchen. Eine knappe Stunde später schreibt Mutter, dass sie einen kleinen Baum gekauft hätten und ich solle auf dem Boden nach dem Ständer suchen. Ich würde gern intuitiv antworten, aber ich wurde gut erzogen. Inzwischen sind die Kinder wieder zu Hause und leeren ihre Adventskalender. Eine Frage: Wie lange kann man Sektflaschen im Tiefkühlfach lassen, bis sie zerplatzen?

Heiligabend. Kurz nach dem Frühstück. Ich war auf dem Dachboden, um nach dem Baumständer zu schauen. Ich habe keinen Baumständer. Wahrscheinlich hatte ich mal einen, weil ich mir einen ausgeliehen hatte. Die Kinder wuseln um mich herum und sind aufgeregt. Mittags hat keiner so richtig Hunger. Ich versuche, die Wohnung noch ein wenig weihnachtlich zu dekorieren.

13:27 Uhr. Noch eine halbe Stunde, dann wollen meine Eltern eintreffen. Doch es klingelt schon. In der Tür stehen meine Eltern, der Baum und ein Baumständer.

Der Stamm ist zu dick für den Ständer. Ich reiche eine Runde Schnaps. Wenig später steht die Blautanne schief in einem großen Tontopf, der mit Erde gefüllt ist. Mein Vater möchte den Baum rund schneiden. Meine Mutter steht schwer atmend mit der Gartenschere daneben. Nun schmücken K1 und meine Mutter den Baum. Und vielleicht setze ich mich mit einer Decke auf den Balkon und trinke Glühwein. Aber draußen ist einfach zu kalt und zu windig. Die Dekoration wird auf drei von 27 Ästen gehangen. Der Baum kippt leicht. K2 motzt, weil … Das weiß er selbst nicht und wir auch nicht.

15:32 Uhr. Mutter hat schon schlechte Laune. Vater und ich sind schon beim zweiten Glühwein. Vater fragt, ob wir die Wohnzimmertür zuschließen wollen, damit niemand hinein gehen und die Geschenke sehen kann. Ich denke an den seltsam geschmückten Baum. Vater denkt an die Geschenke. K2 denkt an meine Mutter. Dritter Glühwein. Mutter isst Lebkuchen, der Stuhl, auf dem sie sitzt, knackt verdächtig.

17:51 Uhr. Die Kinder nörgeln, weil sie ihre Geschenke öffnen wollen. Ich habe Durst und muss etwas trinken, bevor ich mich neben dem Baum setze. Vater will jetzt Weihnachtslieder singen. Vor Aufregung können die Kinder kaum singen oder Gedichte aufsagen. Mutter ist den Tränen nahe, weil die Lebkuchen alle sind. Vater legt jetzt eine Weihnachts-CD ein. Aus den Boxen tropft „Süßer die Glocken nie klingen“, gesungen von einem bekannten Knabenchor.

Mutter fragt, ob ich die Geschenke eingepackt habe. K1 und K2 rollen laut hörbar mit den Augen. Ich trinke noch einen Schluck Glühwein bevor ich antworte. K2 und K3 haben ihre ersten Geschenke nun schon ausgepackt. LEGO. Es scheint, als gäbe es ein Happy End. Inzwischen wird Vater unruhig, weil der Glühwein alle ist. K1 weint, weil sie sich auf dem E-Piano verspielt hat. Mutter guckt starr auf den Baum. Ich habe Hunger.

Nun bin ich an der Reihe mit einem Gedicht aufsagen. Das klappt trotz mehrerer Glühweine recht gut. K3 überreicht mir dafür eine Baumscheibe mit einem Herz in der Mitte, welches sicher mühsam mit dem Stechbeitel im Werkunterricht gehauen wurde. Zumindest habe ich in den letzten Wochen keine Wunden an den Händen von K3 entdeckt. Während ich mich freue, überlege ich, hinter welche Bücher ich es ins Regal stellen kann.

Um mir Zeit zu verschaffen, trinke ich meinen Glühweinbecher aus. K2 schmollt, weil es etwas singen, aufsagen oder mit der Gitarre spielen soll, um weitere Geschenke zu erhalten. Er sitzt im Sessel und zupft an der Gardine. Ich verschlucke mich am Glühwein, weil die Gardinenstange leicht aus der Wand bricht. Mutter schüttelt den Kopf. Vater hat jetzt auch Hunger. Die Tochter weint, weil sie nur drei Geschenke von einem beidseitig beschriebenen Wunschzettel bekam. Um etwas Ruhe zu schaffen, zünde ich eine Räucherkerze an.

18:24 Uhr. Mutter ist leicht genervt, weil sie keinen Alkohol trinken kann, da sie nachher fahren muss. Vater gießt sich das erste Glas Sekt ein, denn der Glühwein ist nun restlos alle. Die Kinder nörgeln, weil sie erst nach dem Abendbrot die Geschenke auf- und zusammenbauen dürfen. Ich werde fast ohnmächtig vor Hunger. Vater baut das Fondueensemble auf. Er wird unruhig, weil der Käse nicht flüssig wird. Mein erstes Glas Sekt ist auch schon alle. Vater stellt einen Plastikteller auf die Herdplatte. Die ist allerdings noch warm, weil bis eben der Kinderpunsch dort erwärmt wurde. Nun sitzen wir mit leichtem Nebel in der Küche und es riecht nach verschmortem Kunststoff. Lüften reicht nicht, ich brauche mehr Räucherkerzen.

19:11 Uhr. Wir sitzen wieder am Tisch und schauen erwartungsvoll auf den Fonduetopf. Plötzlich bricht der Käse auf und Fleisch sowie das Brot gehen unwiederbringlich im Käsesee unter. Wir stochern in einem Massaker aus Käse, Brot und Wurst. Es ist sehr besinnlich. Irgendwie essen wir diese Masse, aber danach ist mir schlecht. Mutter spült inzwischen das Geschirr in der Küche, Vater gibt kluge Ratschläge, wie man Geschirr richtig abwäscht. Mutter atmet schwer. Der Sekt passt nicht in die Kühlschranktür und nun muss ich ihn austrinken. Zufälle gibt es.

20:05 Uhr. Endlich dürfen die Kinder ihr LEGO aufbauen. Ich habe schon wieder Durst. K2 rennt in Richtung Küche, bleibt dabei unglücklich am Baum hängen, der Baum kippt. Mutter schreit auf. Vater verschluckt sich am Sekt. Der Baum bleibt stehen. Mein Weihnachtswunder. Vater kratzt plötzlich den Fonduetopf mit einer Metallgabel aus. Mutter weint. Die Stimmung kippt endgültig, wie eben der Baum. Meine Eltern wollen gleich gehen. Sie wollen nicht mehr mehr bis zum Schokoladenfondue bleiben. So schnell, wie sie kamen, sind sie auch wieder weg.

21:24 Uhr. Nun sitze ich hier im Sessel, satt und betrunken. Die Kinder müssen allein den Weg ins Bett finden. Alles in allem war es ein schöner Heiligabend. Fröhliche Weihnachten!

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